Klaus Trapp

privat

Einige Gedichte von Klaus Trapp

Mach mal Sendepause

Sendepause, sende Pause
ohne Pause, sende, sende
ohne Ende, sause, sause
ohne Pause, ohne Ende
sende, sende, Pause sende
dass am Ende ein Banause
jene Pause endlich fände
denn die Pause ohne Pause
ist das Ende, ist das Ende

Köln, 1./8. Februar 2004

Ein Gedicht

Irgendwo
liegt in der Luft
ganz für dich
ein Gedicht
zum Verschenken
du mußt es nur pflücken

Und hast du's gefunden
so schenke es mir
und es wird dich immer
ein bißchen begleiten

Ich schicke dir dann
zum Dank
per Luftpost
ein Päckchen
mit Blumen
die ich vor kurzem
für dich gedichtet
da wirst du dich freu'n

Köln, 16. Mai 1990 (Fassung V)

Das Blumentier

Das Blumentier, das schick' ich Dir
Es kommt mit gutem Wetter
Zwei Nasen hat es, Knospen vier
Und große grüne Blätter

Das Blumentier, es kommt zu Dir
Auf allen seinen Rüsseln
Gib ihm Salat, Radieschen, Milch
In kleinen, bunten Schüsseln

Das Blumentier ist nur für Dich
Es bringt dir liebe Grüße
Es duftet gut und beißt auch nicht
Im Herbst schenkt es Dir Nüsse

Dem Blumentier, Du wirst schon seh'n
Wird es bei Dir behagen
Es wird an Deinem Bettchen steh'n
Und »Gute Nacht« Dir sagen

Köln, 19. April 1983

Für Angelika

Was wäre ich wohl ohne Dich
Ich weiß, ich käm' trotzdem zurecht
doch ziemlich schlecht
Und das alleine ist es sicher nicht
weshalb ich Deine Nähe suche
Ich fühle mich ganz einfach wohl bei Dir
's ist toll mit Dir zusammen unter einem Tuche
Ich mag Dich, und das glaube mir
wie niemanden zuvor in meinem Leben
So soll es bleiben mit uns beiden
Ich möchte Dir noch viele schöne Zeiten geben

Köln, am 20. Oktober 1989

An den großen Bruder

Psalm des Bedieners Ferdy Haberstroh

An den Großen Bruder
(Revision 2.04)

für Solostimme (Sachbearbeiter)
Chor (Erfassungskräfte)
und Orchester
(EDV-Anlage mit Magnetplattenlaufwerken,
Datensichtstationen für Dialogbetrieb,
Typenrad- oder Tintenstrahldrucker usw.)

Daten Unser im Computer
Gesegnet seist Du
unter den Errungenschaften der Technik
und geachtet sei der Output Deiner Zentraleinheit

Deine Erfassung komme über uns
- Wir bitten Dich, erfasse uns
im Dienste der Sicherheitsorgane
- Wir bitten Dich, sichere uns
im Dienste der Ordnungsorgane
- Wir bitten Dich, ordne uns
im Dienste der sonstigen Organe
- Wir bitten Dich, pflege und warte uns
im Dienste der freien Wirtschaft
- Wir bitten Dich, verarbeite uns

Mit Deinen Programmen steuere
unseren Konsumentscheid

Unser tägliches Handeln verdate
und speichere
auf feuerfesten Datenträgern
unsere Schulden bei den Banken und den Ämtern
wie bei allen unsern Gläubigern
und führe uns nicht in den Datentod
sondern befreie uns von dem Übel der Löschung

Denn Dein ist jetzt die Macht und die Kontrolle
in Ewigkeit Amen

Köln 820926

Die Chance in der 82. Minute

1:2
Hand, ganz klar
Ein Reflex?
Egal:
Elfmeter
Ein Geschenk des Himmels
Paule macht das
Anlauf
Schuß
Gehalten
Scheiße
Mensch, der Torwart hat sich doch
viel zu früh bewegt
Wiederholung
Guter Mann, der Schiedsrichter
Ganz richtig so
Wieder Paule
Diesmal klappt's
Totenstille
Wieder Anlauf
Schuß
Oh Scheiße
Vergeigt
Regelrecht vergeigt
Das darf doch nicht wahr sein

90. Minute
Schußpfiff
1:2

für Paul Breitner
Köln, 19. Mai 1981
Aus Anlass der Niederlage gegen Brasilien in Stuttgart.
Schiedrichter war Mr. White aus Wales.
Die Regel, die zur Wiederholung dieses Elfmeters führte, wurde inzwischen abgeschafft.

Mousse muss

Mach eine Mousse
Meinen die Meinen
Wir mögen Mousse

Was sein muss
Das muss
Nun gut
Mit Muße ans Werk

Schokomatsche manschen
Eigelb verpanschen
Die Massen vermengen
Schäumen und naschen
So muß man's machen
Die Mousse im Mäulchen
Mümmeln die Mädchen
Mann ist die mächtig
Summen die Mäuse
Mehr Mousse
Mousse
Mehr
Hm

Köln, an Evas Geburtstag im März 2001

Und hier das passende Rezept ...

Bahnhofsviertel

An einem Vorstadtbahnhof stand ich wartend auf Isolde.
»Dreiviertel sieben, etwa«, sagte sie mir, käm' sie an,
Und wenn nicht dann, dann eben mit der nächsten Bahn.
Ob ich auf sie am Vorstadtbahnhof warten wollte.

Die Bahn kam leicht verspätet in den Bahnhof eingefahren.
Nur wenige Leute mochten hier dem Zug entsteigen,
Mit Aktentaschen meist, zwei blasse Mädchen trugen Geigen.
Und ich hielt Ausschau nach Isoldes roten Haaren.

Ich reckte meinen Hals, vergeblich - daran war nichts zu ändern -
Und überlegte dann, ob sich das Warten auf Isolde lohnte.
Da ich vor zwanzig Jahren in dem Vorstadtviertel wohnte,
Wollt' ich ein wenig durch die alten Straßen schlendern.

Mein erster Eindruck war noch nicht mal schlecht.
'Ne Reihe neuer Läden, das Viertel wirkte deutlich bunter.
Ich ging die Straße bis zur nächsten Ecke runter.
Ein altes Bartgesicht raunzte mir zu: »Die Welt ist ungerecht!«

Der Kaffee-Laden lud zu einem Tässchen Kaffee ein.
»Wir machen gerade zu. Es ist ja gleich halb sieben.
Unser Bistro, wenn Sie's nicht kennen, 's ist da drüben,
Da gibt es Leckeres zu Essen und auch guten Wein.«

Im Grunde wollte ich nur 'ne Tasse Kaffee und aufs Klo.
Mein Bauch vermeldete ein leichtes, grummeliges Drücken.
Und irgendwie musst' ich das Warten überbrücken.
So lenkte ich meine Schritte zu dem verheißenen Bistro.

Ein graugelockter Mann stand Gläser putzend hinterm Tresen
Und brummt' »Wir machen erst um sieben auf«.
Er sieht mich grinsend an und fragt mich drauf:
»Sind Sie nicht früher Stammgast hier gewesen?«

Ich bin von dem Empfang noch voll benommen.
Bestimmt hab ich in dies Lokal noch keinen Fuß bewegt.
Da spürte ich, wie eine Hand sich fest auf meine Schulter legt.
»Sie können selbstverständlich jetzt schon was bekommen.«

»War'n Sie nicht früher bei den Anarchisten, jede Wette.«
Er stellte den bestellten kleinen Roten auf den Tisch.
Ich schluckte kurz. »Nein, Sie verwechseln mich.«
Vor seinem nächsten Satz entfloh ich zur Toilette.

Rasch ausgetrunken, zahlen, nichts wie auf die Straße.
Es ist schon höchste Zeit, ich muss erneut zur Bahn,
Da jeden Augenblick Isolde kommen kann.
Sie würd' mir nie verzeihn, wenn ich sie jetzt verpasse.

Ich sah den Zug schon, wie er in den Bahnhof rollte.
Ein knappes Dutzend Menschen verließ die Bahnhofshalle.
Und ebenso wie im vorangegang'nen Falle
Schweifte mein Blick vergeblich suchend nach Isolde.

Sie sitzt bestimmten im nächsten Zug, das war mir völlig klar.
Die nächste halbe Stunde kriege ich locker rum.
Ich sehe mich derweil in dieser Gegend weiter um.
Hier gab's doch früher noch 'ne andre kleine Kaffee-Bar.

Das Viertel schien jetzt reichlich öde, die Straße ziemlich leer.
Die schnieken Läden hatten alle längst geschlossen.
Aus einem Tor kam eine Töle auf mich zu geschossen
und schoss vorbei, ein junger Mann lief schnaufend hinterher.

Die alte »Kaffee-Stube« konnt' ich schon von weitem sehn.
Sie hieß zwar jetzt »Espresso-Shop« und hatte zu.
Im Fenster leuchtete 'ne buntgefleckte Plastikkuh.
So blieb mir keine Wahl, noch mal in das Bistro zu gehn.

Inzwischen waren ein paar Leute, meistens Männer, eingekehrt.
Hinter der Theke lehnte ein junges, blondes Püppchen.
Ich orderte 'nen kleinen Roten und ein Krabben-Süppchen.
Der Graukopf winkte kurz herein und ging zurück zum Herd.

Am Nachbartisch tranken drei unrasierte junge Männer.
Sie sprachen über Internetarife und Computer.
Eins weiter saß ein Kind mit Vater aber ohne Mutter
Und lauschte mampfend ganz versonnen den Computer-Kennern.

Auch nach dem nächsten Zug ging ich zurück in das Bistro.
Noch ein Versuch, dann geb ich auf und geh nach Hause.
Mit einem kleinen Roten fülle ich die Wartepause.
Der grau gelockte Wirt reichte persönlich den Bordeaux.

Er setzte sich zu mir und nannte mich vertraulich Jochen,
Erzählte dann von damals, von den alten Uni-Zeiten,
Von seinen Frauen, seinen Kneipen und den andren Pleiten.
Dann schwand er mit den Worten »Muss noch kochen.«

An einem Ecktisch hinter einem großen Strauß von Rosen
Knutschte ein mittelaltes Pärchen völlig ungeniert.
Ich weiß nicht mehr, was an der Dame mich so irritiert'.
Vermutlich war's das Muster ihrer breit gestreiften Hosen.

Ich weiß auch gar nicht mehr, wie spät es schließlich war,
Als irgendwer ganz zart auf meinen Rücken tippte.
Ich hielt mich fest, damit ich nicht vom Hocker kippte,
Und sah mich um, sah eine Frau mit kupferrotem Haar.

»Das Warten hat dir hoffentlich nichts ausgemacht.
Ich sagte dir doch noch, es würd' vielleicht was später.«
Ihr Lächeln war so nett - und wurde immer netter.
Und aus dem Abend wurde eine wunderbare Nacht.

Köln, im August und September 2001

Ohne Titel

Wo sind all die Blumen,
Die ich der Liebsten geschenkt?
Wo sind all die Perlen,
Die ich ihr umgehängt?

Wo sind all die Pralinen,
Die ich mit ihr verzehrt?
Wo sind all die Pelze,
Die ich ihr beschert?

Wo sind all die Stunden,
Die ich mit ihr geteilt?
Wo sind all die Wunden,
Die sie mir verheilt?

Wo sind all meine Träume,
Die sie mit mir geträumt?
Wo sind alle die Chancen,
Die ich wegen ihr versäumt?

Wo sind all die Nächte,
Die sie mir geraubt?
Wo sind alle Geschichten,
Die ich ihr geglaubt?

Köln, 13. Februar 1998

Frisch im Rentenalter

Ein junger Rentiér und ein Rentier
Saßen im Wald in einer schmucken Schänke
Und zwar in einem dichten Jagdrevier
Sie tranken frisch gezapfte Kaltgetränke

Da kam heran der Kellner Alois May
Den alte May, den werden Sie noch kennen
Und frug die beiden frank und frei
Wollt ihr nicht lieber etwas rennen?

Mit einem N, so sprach das Ren
So werden wir geschrieben
Wir ziehn es daher vor zu gehn
Und manchmal lassen wir uns schieben

Mein Name ist zwar Willy Frei
Mein lieber Nachbar hier heißt Frank
Nun zapf uns zack, zack, eins, zwei, drei
Ein frisches, helles Kaltgetrank*

Und bring mir nicht nochmal das Bier
In einem henkellosen Kelch
Ein Ren ist einerseits ein edles Tier
Und zweitens deutlich kleiner als ein Elch

So saßen sie vergnüglich da im Wald
Und tranken, das Ren und der Rentier
Es wurde schließlich Abend und auch kalt
Da zogen sie beschwingt ins Cabaret

* Rentiere beherrschen nicht das Ä

Für Frank Meyer
Köln, am 11. Mai 2013

Besuch in Berlin

Metronom und Metrobus
Schippern auf der Spree
Metronom haut Metrobus
Taktvoll auf den Zeh
Metrobus fährt Metronom
Zurück zum Kölner Dom

Berlin, 16. Juli 2016